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veröffentlicht am 16.05.2019

„Mein kleines Olympia“

Sportabzeichen

„Mein kleines Olympia“
„Mein kleines Olympia“
Oberhone. Zwar trickst er etwas, aber das sei ihm erlaubt. Nachdem 400 Meter Schwimmen und dem Medizinballwurf springt Lothar Stascheit beim Standweitsprung nicht in eine Sprunggrube: „Danach wäre ich sofort außer Gefecht.“ Stascheit`s Kniegelenke machen eine Landung nicht mehr mit, trotzdem kann er sich noch mit aller Kraft abdrücken. Vom Beckenrad springt er ohne Probleme die geforderten 1,50 Meter ins kalte Nasse. Auch in der Sportabzeichen Kategorie Koordination muss eine Alternative herhalten. Weil Hochsprung, Weitsprung und Seilspring für Stascheit pures Gift sind, greift er auf die gelenkschonenden Kampfsport Ju-Jutsu zurück.
„Aus der kalten Hose mache ich jedes Jahr das Sportabzeichen gemacht“, sagt Lothar Stascheit mit einem breiten Lächeln. Mittlerweile hat der pensionierte Bundespolizist schon 56-mal das Deutsche Sportabzeichen erfolgreich absolviert. Seit seinem 18. Lebensjahr hat Stascheit das Sportabzeichen in jedem Jahr erfolgreich absolviert. Insgesamt hat der mittlerweile 73-jährige 167 verschiedene Abzeichen seiner sportlichen Laufbahn in seiner heimischen Vitrine. Ein absolutes Novum. Und dafür hatte Stascheit gute Gründe. „Wenn ich das Sportabzeichen schaffe, dann weiß ich, dass ich meine Essgewohnheiten und meinen Lebensstil nicht umstellen muss“, so Stascheit, der heute noch die Anforderungen für das Sportabzeichen in der Altersklasse eines 50-jährigen erfüllt.
„Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg“, betonte Gerd Seidlitz (Sportabzeichen-Beauftragte des Sportkreis Werra-Meißner), der weiß, dass Stascheit seinem Ehrgeiz und dem Sportabzeichen viel zu verdanken: „Er hat durch das Sportabzeichen Eindrücke von Sportarten erhalten, die er anschließend mit viel Akribie ausgeübt hat.“ Nach dem ersten Rettungsschwimmerabzeichen im Jahr 1962 folgten 42 weitere Abzeichen, davon 25 in Gold. Das Radsportabzeichen, mit einer 800 Kilometer langen Radwanderung, absolvierte Stascheit zwischen 1983 und 1991 siebenmal. Einzig für das Bayerische Sportabzeichen, bei dem eine sofortige Verleihung in Gold möglich ist, war ausgiebiges Training angesagt. Mit Erfolg. Die 100 Meter absolvierte Stascheit als 23-jähriger in 11,9 Sekunden. Eine Topzeit. Aber in den späten 70er Jahren verletzte Stascheit bei einem Sprint schwer. Aufgrund einer hartnäckigen Oberschenkelverletzung und einem doppelten Leistenbruch ging der Modellathlet mehr und mehr in den Ausdauersport. Vom Skilanglauf war er sofort angetan. Auf dem hohen Meißner absolvierte Stascheit 20-mal das Ski-Langlaufabzeichen. „Schnell hatte ich Lunte gerochen“, erzählte Stascheit, der den Worldloppet, einen internationalen Skimarathon, der aus zehn Rennen aus besteht, in Angriff nahm. Beim 90 Kilometer langen Vasa-Lauf 1988 in Schweden trotzte Stascheit minus 33 Grad und einem Skibruch, um nach dem zehnten Rennen 1995 in Tartu (Estland) die langersehnte Goldmedaille um den Hals gehangen zu bekommen. „Und in diesen Jahren war das Sportabzeichen stets mein erster Formcheck. Es ist für mich mein kleines Olympia“, erinnert sich Stascheit, der als Sportabzeichenprüfer seine Tochter Simone und seinen Enkeln Sören, Merle und Marlene mit dem Virus Sportabzeichen längst infiziert hat. Erst kürzlich absolvierten sie im Österreich-urlaub gemeinsam das Sportabzeichen. Die Stoppuhr und den Medizinball hat Stascheit dafür immer im Kofferraum.
 
Zur Person Lothar Stascheit (73)
Als dreijähriger ist Stascheit mit seiner Familie aus Ostpreußen vor den russischen Truppen nach Westdeutschland geflüchtet. In der Essener Trümmerlandschaft hat er seine Kindheit verlebt. Nach einer Lehre zum Schlosser entschied sich Stascheit 1964 für eine Ausbildung im gehobenen Dienst des Bundesgrenzschutzes in Fuldatal, im gleichen Jahr wechselte der Ausbildungsabschnitt nach Eschweg. Einer achtjährigen Abordnung zur niedersächsischen (1972 bis 1980) Landespolizei wurde Stascheit nach 41 Dienstjahren im Jahr 2005 bei der Bundespolizei in Eschwege pensioniert. 1986 organisierte er den ersten Triathlon in Eschwege. 1974 erwarb Stascheit den ersten Dan im Ju-Jutsu, 2010 bekam er den 6. Dan und darf sich Großmeister nennen. Seit 45 Jahren leitet der ehemalige Fachlehrer des BGS mittlerweile die Ju-Jutsu Kurse an der VHS in Eschwege. Über 40 Sportler erreichten unter seiner Leitung den schwarzen Gurt. Auch in den Kampfsportverbänden war Stascheit, der mehrere Übungsleiter-Lizenzen hat, über Jahre aktiv. Von 1986 bis 1989 führte er den niedersächsischen Ju-Jutsu Verband in die Selbstständigkeit, um später wichtige Aufbauarbeit beim thüringischen Landesverband zu leisten. Stascheit ist seit 1969 verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter.
 
 
Stascheit`s Abzeichen im Überblick:
56-mal Sportabzeichen
43-mal Rettungschwimmabzeichen
20-mal Bayrisches Landesleistungsabzeichen
20-mal Skilanglaufabzeichen
15-mal Europäisches Polizeisportabzeichen
7-mal Radsportabzeichen
5-mal Jutsu-Sportabzeichen
1-mal DDR-Sportabzeichen
 
 
Bild und Text von Marvin Heinz
 
 
 
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